Manfreds persönliche Geschichte
Diagnose: Positive Titer für abgelaufene Hepatitis B und C.Leichte chronische Entzündung der Leber, wahrscheinlich auf dem Boden der Hepatitis C.
Erste Laparaskopie:
Im Juni 1994 wurden Mikroskopisch drei bis zu 1 cm lange, elfenbeinfarbene Punktatzylinder untersucht. Ergebnis: Leberparenchym mit erhaltener Läppchenarchitektur. Die Trabekel sind regelhaft gestaltet, die Hepatozyten gleichförmig. 5 % der Hepatozyten zeigen eine grobtropfige Verfettung. Hepatozytennekrosen stellen sich nicht dar. Die Portalfelder sind etwas erweitert, fibrosiert, lymphozytär infiltriert. Die Grenzplatten sind unregelmäßig aufgebrochen. Keine Cholestasen. Negative Eisenreaktion.
Begutachtung: Chronische aktive Hepatitis, geringer Aktivitätsgrad. Kein Umbau, kein Abhalt für Malignität.
Rund drei Jahre später: Müdigkeit und eine allgemeine Schwäche nahmen rasant zu. Ich begab mich zu einem weiteren Internisten in Behandlung. Die Transaminasen zeigten eine Verdopplung der leberspezifischen Transanimasen. Es wurde eine Leber(Blind)Punktion durchgeführt. Laborbefunde: BSG mit 28/46 mm n.W. beschleunigt, SGOT mit 26 U/l erhöht, SGPT mit 44 U/l erhöht. Y-GT mit 59 U/l deutlich erhöht. Ich hatte also HepC.
Die erste Therapie wurde eingeleitet.
Der Arzt wies mich ein wenig in die Nebenwirkungen ein.
Die Spritze wurde aus einer Trockensubstanz aufbereitet, in einer Ampulle befand sich mit einem Gummideckel verschlossen ein weißes Pulver. Dort sollte aus einer weiteren Ampulle eine Flüssigkeit eingespritzt werden, die ich vorher in eine Spritze aufgezogen hatte. Ich durchstieß den dicken Gummimantel, spritzte die Flüssigkeit hinein und schwenkte die Ampulle an der großen Nadel hängend solange, bis die Mischung aufgelöst war. Dann zog ich die Lösung wieder in die Spritze und nahm eine neue, diesmal eine sehr dünne Nadel, und spritzte mir dieses Zeug - ungefähr einen Milliliter in eine Speckschicht neben dem Bauchnabel. Das ging alles recht gut,. Die Schwester war sehr zufrieden, wie rasch ich das alles konnte und ich erzählte ihr, daß Nadel und Spritzen für mich keine unbekannten Werkzeuge sind. Ich hatte insgeheim den leisen Wunsch, daß dort ruhig was netteres drin sein dürfte, als IFN. Die Erinnerungen, die dabei hochkamen unterdrückte ich rasch, legte mich aufs Bett und dachte nach. Vorbei ist vorbei! Oder etwa doch nicht? Nein, kein "Oder" entweder es ist vorbei, oder es ist es nicht. Dann aber brauche ich auch keine Therapie mehr zu machen. Das waren ungefähr meine Gedanken gewesen.
Es war fast alles so wie vorausgesagt, ich bekam ein paar Stunden nach der ersten Spritze Fieber, die Nachtschwester kontrollierte alle zwei Stunden, bot mir ein Medikament zum Fiebersenken an. Ich wollte aber nicht. Bei mir rutschen alle Tabletten ganz schwer herunter. Ich brauche alles immer in irgendeiner flüssigen Form. Tabletten hängen mir oft Stundenlang unterhalb der Kehle im Hals fest. Das hat mich auch davor bewahrt, all den Mist zu nehmen, den die anderen süchtigen oft einnehmen. Ich fühlte mich ziemlich schwach, wacklig auf den Beinen, aber das war nicht nur die Spritze, sondern noch etwas anderes, etwas, was auch vorher schon da war und nun noch etwas verstärkt wurde.
Der Kampf um den Virus hatte begonnen. Ich gab mir allen Optimismus mit auf den Weg, den man - wie ich meinte - brauchte, um mit dem größten Erfolg wieder aus dieser Sache herauszukommen.
Ich spritzte alle zwei Tage 5 Mio. aus dieser aufgerührten Mischung. Der Apotheker hat mich schon von weitem gegrüßt, so wie man einen alten Kumpel nach langer Zeit begrüßt. Naja, fast so! Ich durfte mir immer etwas aus dem Kosmetikregal nehmen. Er wollte eben, daß ich zu ihm gehe und nicht zu einem anderen.
Die 40 % Apothekerhonorar ließen grüßen. Ich fragte mich für was? Für einen einzigen Anruf bei der Lieferstelle? Was ist da los? Sollte es nicht irgendwo ein Begrenzung geben? Warum muß so mit dem Geld der Versicherten umgegangen werden? Wo bleibt die Vernunft?
Na gut, ich war froh, das Zeug immer pünktlich zu kriegen und der Apotheker freute sich auf mein Kommen. Soweit war ja alles gut am laufen. Nur mit den Nebenwirkungen ging es nicht ganz so gut. Ich verlor rasch viele Haare, bekam aber keine Glatze. Ich fragte mich, kämpfen da jetzt die Viren um ihr Leben und ist das der Grund, was mir so ein elendes Gefühl der Schwäche gibt? Ich kann nicht mehr schlafen, aber ich wollte auch kein Schlafmittel, ich hab' ja nur eine Niere, soll die auch noch Kaputt gehen? Nein, ich versuchte es eben ohne Schlaf. Ich wurde depressiv, aber ich sagte mir, daß bist Du nicht. Ich hatte doch noch nie Depressionen gehabt! Also, werde ich auch jetzt keine kriegen. Ich verlor jeden Appetit auf irgend etwas. Trank fast nur noch Kaffee und lebte wie ein Mönch in der Fastenzeit. Ich hatte eben keinen Appetit. Ich kämpfte Wacker gegen alles was mir übel hochkam. Ich konnte mich manchmal vor Schmerzen nicht mehr bewegen. Na gut, dann bleib ich halt liegen, las ein Buch, glotzte stundenlang in die hohle Kiste, merkte, wie mich das alles nicht mehr interessierte und verharrte in einer dumpfen, schwammigen, beinweichen: Körper und psyche-melance. Der Schmerz in meinem Körper tat auch meiner Seele weh und umgekehrt. Schreckte meine Seele hoch, nach langen qualvollen Nächten, dann spürte ich das in jeder Faser meines Körpers. Alles verschwand hinter einer Wand von Schmerz, Traurigkeit und Lustlosigkeit. Zärtlichkeiten wurden mir ein Greuel. Ich wollte keine Berührungen, auch nicht selbst berühren. Ruhe, war mein stärkstes Bedürfnis. Ich reagierte gereizt auf alles was sonst nie einen Reiz auslöste. Meine Empfindlichkeit wuchs ins Grenzenlose. Auch Diskussionen, Gespräche, alles tropfte vor sich hin in einer unendlichen zähen trägen Art. Sirup war viel flüssiger! Nur die Gedanken flogen schnell von einem Punkt zum anderen Punkt, sie konnten nirgends länger verharren. Sie irrten umher, wie die Viren in meinem Blut, die einen Rettungshafen vor den Attacken meines jetzt hochgerüsteten Immunsystems anzulaufen versuchten. Ich stellte mir vor, wie ganze Scharen von ihnen hingemetzelt von meinen Freßzellen oder wie die heißen, abgeräumt und entsorgt wurden. Ich versuchte zu überlegen, wo sie sich verstecken könnten, wo könnte in diesem Gewirr von Gewebe und Knochen und Sehnen und Bindehäuten noch ein Platz für sie sein? Ich wollte sie mit allem Jagen, was ich aufbieten konnte. Ich bot alles auf. So dachte ich, weil es mir auch so elend ging! Sie waren meine Feinde und ich war ihr Feind. Nach welcher Konvention gekämpft wird, wurde nicht mehr gefragt. Es gab keine Rettung mehr für die Viren! Niemand sollte ihnen mehr beistehen können.... Wer will nachher schon wissen, wie das war? Ich drückte einen Pickel aus und hoffte, daß hier Millionen von ihnen als Leichen drin waren, die jetzt entsorgt werden.
Ich versuchte ein Tagebuch zu schreiben. Aber die Worte konnten sich nicht mehr zu einem logischen Gedanken zusammenfassen lassen. Las ich einen Tag später, was ich da niedergeschrieben hatte, dann wußte ich, es war wieder eine üble Nacht und wollte sie vergessen. Zerriß wieder alles.
Nach drei Monaten bekam ich das Ergebnis meines Kampfes: Kein Ansprechen! Nur ein Teilansprechen!! Was machen wir jetzt? Weitermachen, wenigstens ein halbes Jahr, das hilft der Leber sagte mein Arzt. Na gut, sagte ich, dann mach ich's solange es geht, weiter. Aber ich merkte, wie ich nun aufhörte zu Kämpfen, wie die Viren wieder meinen Geist beherrschten. Ich hatte keine Energie mehr!! Mein Kampf war verloren, dachte ich. Also so sieht meine Perspektive aus. Nie wieder etwas schönes erleben, elendes langsames Dahinsiechen.... Jetzt wünschte ich mir manchmal, bei einer der vielen Überdosen Heroin, vor Jahren schon den Löffel abgegeben zu haben. Aber es war nur ein flüchtiger Wunsch. Ein funken Hoffnung hatte ich immer noch, da hatte ich auch das schlimmste überstanden, dort habe ich auch erfolgreich die Atemlähmungen überwunden, mich aus dem Strudel der Bewußtlosigkeit wieder ins Leben zurückgeholt. Man darf nie Nachgeben sagte ich mir! Er ging auch bald wieder vorüber. Wie so oft, so half es mir, auf die nächste Sekunde zu warten. Die nächste Sekunde kann schon ganz anders aussehen. Keine V e r z w e i f l u n g hält ewig!
Nach fünf Monaten gab ich die Spritzerei auf. Der Apotheker dürfte das bedauert haben. Aber was Solls, es ging ja um mich und nicht um ihn!
Mein Arzt meinte zu den Nebenwirkungen mal, ja, Sie wußten doch, daß das kein Kamillentee ist. Verdammt richtig, ich appliziere mir Kamillentee auch ganz anders! Wie sollte ich nicht wissen, wo hier der Unterschied lag? Was kann man tun? Fragte ich, was könnte helfen, das es mir mal wieder besser geht? "Ich verschreibe Ihnen was gegen die Schmerzen"! Er wollte mir irgend so ein giftiges Zeug geben, ich lehnte ab. Lieber halte ich ein paar Schmerzen aus. Außerdem waren die Schmerzen nur bei Bewegung so stark, im Liegen konnte ich sie einigermaßen ertragen.
Vier Wochen nach der letzten Spritze ging es mir erheblich besser. Ich konnte wieder unter die Menschen gehen. Die Sonne schien doppelt so hell wie sonst, ich war auch lange auf meinem Zimmer geblieben, es war ein Verließ geworden und ich hatte mich auch sehr verlassen gefühlt....
Aber es hatte sich etwas gravierendes verändert. Ich blieb schwach, hatte rote kleine Flecken an den Beinen und Füßen bekommen, meine Gelenke taten weh, wie noch nie! Meine Ärzte schien das alles nicht sonderlich zu interessieren. Ihnen war egal geworden, das ich immer stärker humpelte. Hielten sie mich für einen Simulanten, der einen Krankenschein erschleichen will? Die Sorgenfalten gruben sich immer Tiefer in die Stirn meines Arztes, wenn ich kam und sagte, ich Brauch nen Krankenschein, mir tut alles weh, ich kann kaum mehr mit dem Fahrrad fahren. Der Arzt guckte mich verständnislos an und sagte. Ja gut, ich schreib Sie noch mal für vierzehn Tage krank. Das war alles. Einen gelben Schein, ein Rezept mit irgendeinem Scheiß, daß ich nie einlöste. Eine kurze Empfehlung mit guten Besserungswünchen und ich ging wieder in Richtung meines Bettes, daß immer mehr zu meinem besten Freund wurde. Dort konnte ich für ne Weile meine Schmerzen vergessen, die Enttäuschung zudecken, über den Arzt, der immer noch nichts sagen konnte, weshalb es mir so verdammt schlecht geht.
Es war immer irgendein Virus unterwegs, wenn ich zum Arzt kam. Aber warum hat meine Freundin nicht die gleichen Probleme? Sie kommt mir doch nah genug, um all diese Viren abzukriegen von denen der Arzt redete. Er meinte ja nicht das HepC. Er meinte irgendwelche ominösen Durchfall-, Grippe- und was weiß ich für Viren. Aber ich hatte immer das Gefühl, daß ich keinen anderen Virus habe, als den Cler. Der reichte doch auch völlig aus? Außerdem: wo soll ich mir die vielen Viren eingefangen haben? Ich lag doch nur im Bett, blieb zu Hause in einem Sumpf aus dauernden Schmerzen. Ich dachte, daß kann nur das C-Virus machen. Aber ich wußte nicht wie!
Sie haben eine Purpura! Was habe ich? Eine Purpura! Was ist's das? Ja, daß ist eine Systemerkrankung. Das war's also, mein System war auch erkrankt dachte ich. Was kommt da noch?
Ich konnte mich kaum noch aus dem Bett erheben, mir wurde es schwindelig, schlecht vom Essen, schlecht vom Trinken. Ich konnte machen was ich wollte, es wurde nicht besser. Es half nichts mehr. Tabletten halfen nicht. Es ging mir sogar noch schlechter davon. Der Arzt glaubt mir nicht, wurde ungeduldig, hatte ich das Gefühl, was soll er auch machen, mit so einem Gerippe voller Schmerzen, die er nicht sehen kann, und dann, das kann ja nicht so schlimm sein, wenn er's noch schafft, die paar Stufen in die Praxis zu nehmen. Vielleicht mißt daran der Arzt, wie krank seine Patienten sind?. Wenn sie die paar Stufen noch schaffen, dann sind sie bestimmt noch Gesund genug!. Sie haben vielleicht nur keine Lust zu arbeiten, stören nur meine Ruhe mit Krankheiten die ich nicht kenne und die es wahrscheinlich nicht gibt! Alles Einbildung. Schmerzen kann man nicht sehen, Es gibt noch keinen Lackmustest für die Schmerzstärke zu bestimmen. Man muß sich immer verdammt auf die Wahrnehmungen der Patienten verlassen. Und die können sehr gut übertreiben. Und überhaupt, überall wird doch nur noch übertrieben. Vielleicht will er Morphium haben. Er war doch mal Süchtig nach diesem Zeug, vielleicht will er sich mit nem Trick ganz legal was zum Turnen bei mir holen? So und ähnlich dachte ich, wenn ich zum Arzt ging. Natürlich ging es schief. Natürlich kriegte ich kein Morphium. Ich wollte aber auch kein Morphium, ich wollte ja nur wissen, was los ist. Nach ärztlicher Meinung war gar nichts los, nach meiner Meinung steckte ich mitten in einer Katastrophe. Aber das Beben das ich spürte, konnte der Arzt nicht mit seinen Seismographen erspüren. Oft dachte ich, der hat vielleicht noch alte Geräte, damit kann man das sicher gar nicht feststellen was ich habe?
Dann: OK, die nächste Therapie, da gibt's ja was neues in Studien, das erfuhr ich aus dem Internet. Ich habe noch viel mehr erfahren. Ich wußte nun, es gibt noch ein neues Angebot, da sind noch ein paar Möglichkeiten die die Ärzte im Ärmel haben. Also los, nichts wie hin, es kann ja nur noch besser kommen, schlechter kann es doch gar nicht mehr werden! Im Vorfeld der Therapie ging es mir noch viel schlechter, die Gelenke wurden dicker, ich konnte kaum noch laufen, die Tränen vor Schmerzen konnte man schon in einem Eimer auffangen. Ich biß die Zähne zusammen, ging auf meinen kaputten Gelenken zum Arzt, humpelte zur Untersuchung und dann sagte der Arzt: Ja, das kriegen wir wieder weg, bei der nächsten Therapie bringen wir das zum VERSCHWINDEN. Ich wollte mich seinem Optimismus anschließen, warum denn nicht, was hatte ich zu verlieren? Außerdem klang das doch gut, wenn ein Spezialist sagt, das bringen wir wieder zum verschwinden! Wer sollte da mit Zweifel antworten? Endlich mal wieder eine gute Aussicht......ich fühlte mich wie Weihnachten! Ich war froh, so einen Arzt gefunden zu haben, der mir Hoffnung machte, beschwerdefreie Aussichten erzählte und ich wünschte mir, in seiner Haut zustecken, mich genauso sicher zu fühlen wie er.......
Aber ich steckte nicht in seiner Haut. Meiner Haut ging es weiterhin schlecht. Es ging mir sogar an den Kragen, spürte ich. Aber wen interessiert das schon? Das ist unser Schicksal, dachte ich, daß passiert vielen Tausenden bei uns im Lande. Sie haben Dickdarmkrebs, wir müssen alles herausschneiden! Ich spürte, wie ich mich gut in die Rolle eines solchen Patienten versetzen konnte. Jetzt bin ich halt bald dran. Ich spürte wie sich die vielen tausendfachen von Krebs- und Virenbefallenen sterbenden sich fühlen. Jetzt wußte ich, wie es ihnen geht, wie das ist. Natürlich glaubte ich, daß es der Virus ist. Er hat auch meinen Geist infiziert. In jeder Ecke meines Gehirns wimmelte es von Viren. Sie waren schon lange nicht mehr nur in den winzigen Zellen, in meiner Leber oder wo auch immer, sie haben einen eigenen Geist bekommen. Sie haben sich verändert sie haben eine höhere Stufe ihrer Entwicklung erreicht und haben mich verändert. Gut dachte ich, wenn das so ist, dann muß ich noch mal was dagegen tun.
Der Termin kam schnell. Ich lag vierzehn Tage in der Klinik und spürte auch, das ich wieder etwas Oberwasser bekam. Der Virus hat jetzt keine Chance mehr! Das redete ich mir immer wieder ein. Jetzt ging es wieder los, mit dem neuen PEN. Das war schon ein wenig komfortabler gewesen, als die Auflöserei, das erinnerte mich mehr an einen Zuckerkranken, der sich sein Insulin spritzte. Ich sollte 3 X 5 Mio. Einheiten Spritzen. Montags-, Mittwochs- und jeden Freitagabend um 20:00 Uhr erklärte ich den Viren den Krieg. Jetzt standen wir wieder im Clinch. Aber diesmal unterstützt mit Ribavirin. 8 Wochen spätere: Der Virus hat sich verabschiedet!!!! Mir ging es verdammt schlecht, aber ich war irre froh darüber. Leider ging es mir so schlecht während der zweiten Therapie, daß mein Arzt sagte, wir müssen ABBRECHEN! Sie haben eine lavierte Depression, da müssen wir die Therapie beenden! Ich glaubte ihm nicht. Ich sagte, nein, ich mache weiter. Ich höre jetzt nicht auf. Erst wenige Tage zuvor wurde eine Vaskulitis und rheumatoiden Arthritis festgestellt. Der Arzt ordnete an: Kein Interferon mehr! Ich fühlte, wie der Boden unter mir schwankte und sagte verzweifelt, nein, ich werde weitermachen. Ich floh in eine andere Klinik. Der Arzt ließ mich von weiteren Spezialisten untersuchen. Ergebnis: Keinen Anhalt für eine Depression. Therapie wurde fortgesetzt, mit 3 x 3 Mio. Ich kann Ihnen bei der Erkrankung Ihrer Leber helfen, aber nicht bei ihrem Rheuma. Ich empfehle Ihnen eine Rheumaklinik! Alles wurde vorbereitet, für die Rheumaklinik. Ich konnte mich kaum noch bewegen. Ich war zu schwach, mich auf den Beinen zu halten. Wenn ich zwei, drei Schritte ging, wurde es mir schwarz vor den Augen. Die Schmerzen nahmen ein Ausmaß an, das ich es mit der Angst bekam. Was war das? Was findet da in meinem Körper statt? Ich konnte mich kaum noch bewegen. Man mußte mir die Brötchen aufschneiden, es Belegen und ganz nah meiner Hand das Tablett hinstellen, damit ich es vorsichtig fassen und zum Munde führen konnte. Die Haut trocknete immer mehr aus. Wenn ich mich auszog, war meine ganze Wäsche wie mit weißen Schneeflöckchen! Niemand durfte mich mehr berühren. Ich zuckte wie unter Peitschenhieben zusammen. Die Krankenschwester eine ganz süße Puppe, stütze mich, damit ich zur Toilette gehen konnte. Die Spritze konnte ich nicht mehr alleine Einstellen! Meine Hände waren so Kraftlos und alles tat furchtbar weh. Ich ließ sie mir von der Krankenschwester auf 3 Mio. einstellen. Dann desinfizierte ich meinen Bauch, und steckte mir noch selbst die Nadel hinein, weil ich selbst dieses Zeug reinspritzen wollte. Es brannte immer mehr, meine Bauchdecke war kaum noch zu benutzen. Dann nahm ich mir die Beine vor. Da tat es aber noch mehr weh. Irgendwie fand ich aber immer noch eine Stelle, an der es einigermaßen ging.
Ich wußte ja nun, nach dem zweiten PCR-Test, der Virus ist immer noch verschwunden. Bis jetzt ein therapeutischer Erfolg sagte der Arzt. Und ich war froh das es so war, denn ich hatte keine Kraft mehr gegen den Virus zu kämpfen. Jetzt mußte ich mich mit anderen Kräften auseinandersetzen. Mein Immunsystem ist entgleist. Ich hab's kreischen gehört, als es losging. Es war ein richtiges Entgleisen, wie eine Zug bei höchster Geschwindigkeit, lag ich nun neben den Geleisen. Das war ein verdammt harter Boden. Ich nahm starke Schmerzmittel, Cortison und viele andere Medikamente, aber nichts half mehr. Das schwere Hebezeug, um mich wieder auf die Geleise zu stellen, war noch nicht gefunden. Man mühte sich ab, mir das alles erträglicher zu machen. Man quälte mich, weil man mir nicht glaubte. Was, sowas gibt's doch gar nicht. Stehen Sie doch auf! Wenn Sie weiter liegen bleiben, kommen Sie nie wieder auf die Beine. Das war ein ungeduldiger, ein Dummer Arzt, einer von denen, die so taten, als wüßten sie alles, aber nichts wußten sie. Keinerlei Ahnung hatte der gehabt. Er hat sowas noch nie gesehen, also gibt es sowas nicht. Die ganze Arroganz die ein Besser- aber Nichtswisser aufbringen konnte, warf er mir entgegen. Er tat mir mit Absicht weh, wenn er mir Blut entnommen hatte. Dann: Ich verbot es ihm, mich je wieder anzurühren. Ich war Ohnmächtig vor Wut, mich nicht wehren zu können, ihm nicht eins auf die Schnauze zu hauen, weil ich keine Kraft mehr dazu hatte. Niemand darf einen Hilflosen mißhandeln! Jetzt lernte ich es kennen, wenn man hilflos ist und ausgeliefert einem solchen Tier im weißen Kittel begegnet. Der Arzt kam aus Rumänien, machte eine Ausbildung zum Rheumatologen und war erst drei Monate in der Klinik. Er hatte noch keine Ahnung vom Wesen des Rheumas, wußte nichts von Interferon, er dachte wohl: das ist kaum schlimmer als Hustensaft. Aber er mißhandelte auch andere Patientinnen. Es war ein brutaler Mißhandler! Ich beschwerte mich über ihn. Der Direktor kam, beschwichtigte, meinte, daß wäre keine Absicht gewesen. Ich sagte ich, ich hab' ihm in die Fresse dabei geschaut, wie mit Freuden mein Gelenk drückte, daß noch immer ganz schwarz war, von einem Hämatom. Jetzt durfte er auch von der Kliniksleitung aus nicht mehr mein Zimmer betreten. Aber entschuldigt hat sich der Direktor deswegen nicht bei mir!
Die Therapie ging weiter, obwohl es mir immer schlechter ging. Ich erhielt zur weiteren Bestätigung beim nächsten PCR-Test wieder: keine Viren gefunden! Das gab mir Kraft und Motivation, bis zum Umfallen weiterzumachen. Dann aber teilte man mir mit, wenn es mir nicht bald besser ginge, müßte ich in ein Pflegeheim. Die Klinik wird der Kasse zu teuer. Außerdem geht es hier um andere Geldtöpfe. Ich kriegte jetzt auch noch unser regelmäßig chaotisch geändertes Gesundheitssystem zu spüren. Die Ärztin sagte: Ich kann Sie doch unmöglich entlassen. Sollen "die" doch Experten herüber schicken und sich das Ansehen! Ich behalte Sie auf jeden Fall solange hier, wie es irgend geht. Im Pflegeheim wäre ich auch nicht gut aufgehoben, ich brauchte intensive ärztliche Überwachung! Und Versorgung! Es war klar, die Kassen wollten so teure Patienten wie mich loswerden, dann zahlen ja andere die Kosten! Es wird versucht, die Behandlungskosten und die Form, auf andere Träger zu verlagern. Der Druck der Kasse durch den starken Arm des medizinischen Dienstes wurde stärker. Wir schindeten soviel Wochen heraus, wie es nur irgend ging. Dann kam ich langsam aus dem Schub heraus. Die Rheumawerte gingen ganz langsam etwas herunter. Ich quälte mich bald wieder nach Hause. Dort blieb ich nur wenige Tage, dann mußte ich wieder in eine Klinik. Es war ein Karussell, einige Wochen in die Klinik, ein paar Tage nach Hause. Aber ich hatte etwas dazu gelernt, wegen den vielen unterschiedlichen Symptomen, die man auch nicht so einfach einordnen konnte, war es immer wieder möglich, in eine Klinik zu gehen und einige Wochen wie in Asyl dort zu bleiben. Ich hielt dies 40 Wochen durch, 31 Wochen davon befand ich mich in irgend einer Klinik! Es war aber mein Rheuma, daß mich in dieses Elend brachte. Verstärkt durch das Interferon!
Ende April beendet ich mit der letzten Spritze Interferon und den letzten Kapseln Ribavirin die Therapie. Meine Haut hing in Fetzen vom Körper, ich hatte keine Power mehr und ich sagte mir auch, wenn es in vierzig Wochen diese zweite Therapie nicht schaffte, den Virus wegzuräumen, wie sollten es dann 48 Wochen tun? Ich Zählte jetzt die Zeit, die in Studien verwendet wird, weil ansonsten die Therapie ja 52 Wochen dauern würde.
Es dauerte viele Wochen, bis die schlimmsten Nebenwirkungen durch Interferon und Ribavirin wieder verschwanden, aber es ging meiner Psyche sehr viel schneller wieder besser. Mit jedem PCR-Test fühlte ich mich sicherer, den Virus doch endgültig aus meinem Körper vertrieben zu haben.
Dezember 1999
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