| Manfred F. - 30 Jahre infiziert |
Manfred F. – 30 Jahre infiziert.In der Zeit von 1977 bis 1978 „genoss“ ich Heroin intravenös. Danach gelang mir der Absprung und ich bin bis heute „clean“. Kein Alkohol, keine Drogen. Es gibt einige Menschen, die das bewundern. Ich selbst bewundere mich gar nicht. Ich hatte nur Glück, wahnsinniges Glück. Glück, dass ich nicht draufgeblieben bin, Glück, dass ich überhaupt noch lebe. Es war wahrscheinlich der letzte Druck, bei dem ich mich mit dem C-Virus infiziert habe. Der Apotheker wollte mir keine „Pumpen“ (Spritzen) verkaufen. Doch den Rest des Stoffes, den ich in Berlin gekauft hatte, wollte ich noch einmal „genießen“. So ging ich zu einem Freund, der ebenfalls „drückte“. Der hatte zwar noch eine Spritze, aber die war benutzt. Die passende Kanüle fischten wir aus seinem Mülleimer, ließen einmal Wasser drüber laufen und teilten uns dann meinen Rest der Droge. Bereits 1979 stellte ein Internist zufällig bei mir erhöhte Leberwerte fest. Nicht weiter beunruhigend. Erst ein Jahr später, als einer meiner Freunde an einer Leberzirrhose starb, machte ich mir wirklich Gedanken darüber. Ich ließ mich wiederholt untersuchen. Das Ergebnis lautete: Non-A-Non-B-Hepatitis. Damals sagte man mir, ich müsse mir keine Gedanken machen, es sei bei mir keine aggressive sondern eine persistierende Erkrankung, mit der ich 80 oder älter werde könne. Da ich keinerlei Beschwerden hatte, ließ ich die Leberwerte nach 1983 nicht mehr überprüfen. Die Ärzte waren ja nicht in der Lage, die Krankheit zu behandeln und ich fühlte mich wohl. 1994 änderte sich dann alles. Meiner damaligen Lebensgefährtin hatte ich auch von meiner Lebergeschichte erzählt. Und sie hatte einen Artikel in einer Zeitschrift über die Hepatitis C gefunden. Sofort ging ich zum Arzt und tatsächlich, ich war positiv. Hepatitis C, Genotyp 3a. Von da an schlief ich mit meiner Freundin nur noch mit Gummis. Ich fand das damals schon sehr hinderlich. Doch erst nach unserer Trennung wurde mir so richtig klar, wie mich die Krankheit belastete. Selbstverständlich verliebte ich mich des Öfteren. Ich meine heute noch, dass es wichtig ist, einen prospektiven Partner aufzuklären, ihm aufzuzeigen, welche Folgen die Hepatitis C haben kann. Das tat ich sodann und ausführlich und erhielt einen Korb nach dem anderen. „Du bist ja so ein netter Typ und Du tust mir aufrichtig leid!“ Das waren die Antworten und somit blieb ich allein. 1998 hörte ich das erst Mal von Interferon. Mich schreckten jedoch die im Internet und auch auf dieser Seite dokumentierten Nebenwirkungen der Therapie ab. Doch 2004 nahm ich einen ersten Anlauf. Es gab mittlerweile schon das PEG-Interferon und Ribavirin. Ich bekam vom Arzt gleich eine Spritze und eine Packung Tabletten mit nach Hause. Abends saß ich auf dem Bett, hatte die Spritze schon fertiggemacht und studierte jedoch noch einmal die Beipackzettel. Gegen die dort aufgeführten Nebenwirkungen sind Steven Kings Romane Einschlafgeschichten für Kinder. Da stand so etwas wie: Häufige Nebenwirkung - Lungenentzündung. Seltene Nebenwirkung - Lungenentzündung mit tödlichem Ausgang. Seltene Nebenwirkung - Leberkarzinom. Nein, sagte ich mir, nein, Manfred, das machst Du nicht. Und ich legte die Medikamente beiseite. Anfang 2008 lag ich aufgrund fulminanten Erbrechens drei Tage im Krankenhaus. Verdacht auf Noro-Virus. Das bestätigte sich nicht. Doch die Behandlung durch die Ärzte und durch das Pflegepersonal, denen ich selbstverständlich von meiner HCV-Erkrankung berichtet hatte, war menschenunwürdig. Entlassen wurde ich von einer jungen Ärztin mit dem Kommentar: „Sie verlassen das Krankenhaus gefälligst durch den Hintereingang, denn Sie sind ja hochinfektiös!“ Auch im Mai nach einer Operation wegen eines Leistenbruches in einem anderen Krankenhaus wurde ich wie ein „Aussätziger“ behandelt. Danach, im selben Monat, hatte ich einen Termin für eine Parodontosebehandlung bei einem Zahnarzt. Ich hatte ihn über meine Erkrankung aufgeklärt. Die Sprechstundenhilfe, die die Behandlung durchführen sollte, fragte mich (wohl routinemäßig) noch einmal, ob irgendwelche Erkrankungen vorlägen. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich eine Hepatitis C habe. Daraufhin verließ sie ganz aufgeregt den Raum, kam mit dem Arzt zurück, der mich aus seiner Praxis schmiss. Ich war wütend, entsetzt. Auf dem Weg nach Hause dachte ich auch an die Krankenhausaufenthalte. Ich stürzte sofort an meinen PC und suchte mir den nächsten in der Nähe praktizierenden Internisten heraus, der Hepatitis C Therapien durchführte. Sogleich vereinbarte ich einen Termin, brachte alle von mir gesammelten Untersuchungsergebnisse bezüglich der Leber mit und bat ihn, mir sofort die erste Dosis zu verpassen. Er untersuchte mich, nahm mir noch einmal Blut ab und eine Woche später, nachdem ihm die neuen Blutwerte vorlagen, erhielt ich in der Praxis die erste Spritze mit Interferon. Da ich einerseits das verschriebene Interferon sicher aufbewahrt wissen wollte und mich andererseits auch zwingen wollte, die Therapie durchzustehen, ließ ich das Interferon immer in meiner Lieblingsapotheke aufbewahren. Jeden Donnerstag fuhr ich gegen Abend in die Apotheke und setzte mir dort die Spritze. Auch die Tabletten (Ribavirin) nahm ich regelmäßig ein. Die Schockgeschichten auf den Beipackzetteln sah ich mir nicht noch einmal an. Die ersten Wochen ging es mir wider Erwarten ziemlich gut. Nur am Freitag (am Tag nach der Spritze) konnte ich kaum arbeiten, da war ich völlig „platt“. Ich lag nur auf der Couch herum und döste vor mich hin. Nach zwei Monaten fiel es mir jedoch immer schwerer und auch am Samstag kam ich nicht mehr so richtig auf die Beine. Ende August bezog ich eine neue Wohnung. Ich war nicht in der Lage, auch nur einen etwas schwereren Karton eine Treppe hoch zutragen. Wären nicht so viele Freunde da gewesen, die mir halfen, wäre der Umzug ausgefallen. Ab Mitte September (im vierten Monat der Therapie) konnte ich meinen Job im Büro nicht mehr antreten. Ich ließ mich bis Ende der Therapie krankschreiben. In dieser Zeit fingen auch meine Beine höllisch an zu jucken. Im Schlaf kratzte ich mich und häufig hatte ich die Haut durchgescheuert und das ganze Bett war voller Blut. Im Oktober verließ ich das Haus kaum noch. Ich lag herum und fühlte mich einfach miserabel. Ich zählte die Stunden und Minuten. Die Zeit schien still zu stehen. Endlich kam der November. Am 21.11.2008 fuhr ich das letzte Mal zur Apotheke und spritzte das letzte Mal das Interferon. Das Ribavirin musste ich noch bis zum 27.11.2008 schlucken. Anfang Dezember 2008 ging es mir dann schon besser. Im Januar 2009 hörte das Jucken an den Beinen auf. Was ich anfangs am Meisten befürchtete, nämlich Depressionen, trat nicht ein. Psychische Begleiterscheinungen waren stattdessen starke Aggressionen und Wut auf alles, was mir nicht gefiel. Doch anderen Menschen gegenüber konnte ich mich beherrschen. Nur zu Hause flog schon mal ein Buch gegen die Wand. Bei der ersten (wohl wichtigsten) Kontrolle ein halbes Jahr nach der Therapie (Juni 2009) war ich virenfrei. Und am 07.07.2010 ergab die Blutuntersuchung, dass die Hepatitis C ausgeheilt ist. Hurra!!! Ein glücklicher Nebeneffekt war, dass zwei ebenfalls mit HCV infizierte Freundinnen gleich zwei Wochen nach Beginn meiner Therapie auch den Mut fassten und die Behandlung durchführten. Und auch bei ihnen war die Behandlung erfolgreich.
Fazit: Zwar war die Therapie mit Interferon und Ribavirin kein Zuckerschlecken. Es waren wirklich schwere Monate. Dennoch: Ich rate jedem Betroffenen, sich behandeln zu lassen. Abbrechen kann man ja immer noch, wenn es zu schwereren Begleiterscheinungen als bei mir kommen sollte. Und heute weiß ich nicht, ob ich denen, die mich vor Beginn der Behandlung so miserabel traktierten, die Krankenhausärzte, das Pflegepersonal, mein ehemaliger Zahnarzt, nicht danken sollte.
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| Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 15. September 2010 um 21:36 Uhr |

