Iris - Die Krankheit vor Augen, Januar 2005

Es war im Frühjahr 1998, als mich so eine Ahnung beschlich, mit mir könne etwas nicht in Ordnung sein. Ich war gerade zu Besuch bei meiner langjährigen Freundin am Bodensee. Seit längerer Zeit wusste ich, dass sie Hepatitis C hatte.
All die Jahre zuvor fühlte ich mich relativ sicher, dass ich an solchen Krankheiten wie Hepatitis oder HIV mit Dusel vorbeigeschrammt war.
In einem guten Gespräch mit meiner Freundin wollte ich dann genauer wissen, wie sich die Erkrankung bei ihr auswirkte und wie es festgestellt wurde. Ich war dann etwas verunsichert, als sie mir mitteilte, dass das Blut speziell darauf untersucht werden müsse. War ich doch der Meinung, mein Arzt, der von meiner früheren Drogenkarriere wusste, hätte das bei den üblichen Blutuntersuchungen bestimmt mitgetestet.
Als ich mir dann überlegte, wie ich mich die vergangenen Jahre immer wieder gefühlt habe (so unerklärlich schlapp und müde), beschloss ich, mich testen zu lassen.
Ende April 1998 sprach ich meinen Hausarzt darauf an. Sofort wurde Blut abgenommen, alle Werte sollten getestet, sowie ein PCR gemacht werden. Ich wusste ja nicht, dass es länger dauerte, bis so ein Ergebnis dann ankam. Mir war beim Warten recht mulmig ums Herz, denn eigentlich war ich mir schon recht sicher, HCV-positiv zu sein.
Am 07.05.1998 (an meinem 4. Hochzeitstag) hatte mein Sohn einen Termin zur Vorsorgeuntersuchung. (10 Tage nach meiner Blutabnahme). Nachdem er routinemäßig durchgecheckt wurde, sagte mein Arzt nur: „So, und nun kommt´s...“
Er brauchte nichts weiter zu sagen, die Antwort gab ich uns selbst: „Ich bin HCV-positiv, stimmt´s?“
Mein Arzt erklärte mir, dass es nicht einfach wäre, die Krankheit loszuwerden. Bisher gab es nur die Interferon-Mono-Therapie, Ribavirin kam gerade erst auf den Markt und niemand wusste, wie das neue Medikament in Kombination mit Interferon wirklich helfen würde.
Er riet mir, vierteljährlich zur Blutkontrolle zu kommen und abzuwarten.
Wieder daheim fiel ich erst mal in ein tiefes Loch. Alles was ich über HCV wusste war, dass ich irgendwann eine Zirrhose oder ein Karzinom an der Leber bekommen würde. Auch hatte ich furchtbare Angst, ich könnte meinen Mann oder meine Kinder (damals waren sie 5 und 3 Jahre alt) angesteckt haben. Den Zeitpunkt meiner Infizierung konnten wir ja ungefähr festlegen, irgendwann zwischen 1987 und 1992, als ich drogenabhängig war. Den Termin für den Test bei den Kindern vereinbarte ich gleich, mein Mann jedoch zögerte vor lauter Angst erst mal, wartete das Ergebnis der Kinder ab und ließ sich dann erst dazu überreden, zum Arzt zu gehen.
Mir fiel ein Stein vom Herz, als alle drei negativ getestet wurden. Nun bestand mein Hoffen darin, wenigstens meine Kinder groß werden sehen zu dürfen. Mehr erwartete und wollte ich nicht.
Ich war gerade 27 Jahre alt lebten erst einige Monate in unserer neuen Wohnung, einige Kilometer vom früheren Wohnort entfernt. Zu meinen Freundinnen hatte ich bis dahin immer einen guten Kontakt. Wir konnten immer über alles reden. Nach meiner Eröffnung, HCV-positiv zu sein, zog sich eine nach der anderen mit billigen Ausreden von mir zurück. Es tat weh, war aber nicht zu ändern. Nun wusste ich wenigstens, wie „sehr" ich auf diese so genannten Freundinnen zählen konnte; nämlich gar nicht.
Für mich zählten erst mal andere Dinge im Leben. Was wer wann was gesagt oder getan hatte, empfand ich als unwichtig. Ich lebte jeden Tag bewusst, achtete auf einmal auf Kleinigkeiten, die ich über Jahre schon gar nicht mehr wahr genommen hatte.
Plötzlich konnte ich mich unheimlich an einem Schmetterling erfreuen der vor meinen Augen flog. Oder an Vogelgezwitscher im Baum.
Die erste Zeit ging ich wie vereinbart vierteljährlich zur Kontrolle. Jedes Mal, bis das Ergebnis dann endlich vorlag, bibberte und bangte ich. Jedes Mal dasselbe: Test positiv. Da ich mit Familie, Haushalt, Erteilen von Nachhilfeunterricht, Arbeiten gehen und ehrenamtliche Tätigkeiten gut beschäftigt war, dachte ich die nächsten Jahre nicht mehr so oft an HCV. Ich ließ die üblichen Kontrollen schleifen, war zum Schluss dann meist nur einmal jährlich deswegen bei meinem Arzt.
Wenn ich mich schlapp fühlte, machte ich Überarbeitung dafür verantwortlich. Das ging auch einige Jahre ganz gut.
Im Frühjahr 2003 ging es mir aber doch immer schlechter. Die konstante Müdigkeit und meine abnehmende Konzentration machten mir sehr zu schaffen. Schonung und Ausruhen gönnte ich mir ja eigentlich nie, wären aber angebracht gewesen.
Ich dachte wieder verstärkt an meine Hepatitis und ließ mir deshalb dann im Juni wieder Blut abnehmen. Nachdem sich meine Leberwerte um das fünffache verschlechtert hatten, riet mein Hausarzt dazu, einen Spezialisten aufzusuchen. Der Internist, bei dem er deswegen anrief, gab sofort die Tel. Nr. der Uniklinik weiter. Wir wollten einige Wochen später in den Urlaub fliegen, weswegen ich gleich in der Uniklinik anrief, um einen Termin zu vereinbaren.
War echt klasse: der nächste Termin war erst 3 Monate später, im Oktober, frei!
Meinen Urlaub konnte ich absolut nicht genießen. Zum einen machte ich mir unheimlich viel Gedanken. Plötzlich war die Krankheit wieder direkt vor Augen, wo ich doch so lange nicht mehr hingeschaut hatte. Zum anderen ging es mir wirklich hundsmiserabel. Die meiste Zeit des 14-tägigen Urlaubs verbrachte ich schlafend; ich war nur noch müde und ausgepowert.
Als dann der Termin in der Klinik vor der Tür stand, war mir ganz schön mulmig. Zwischenzeitlich hatte ich mich mit der ganzen Sache intensiver auseinander gesetzt und einige Bücher darüber gelesen. Meine Mutter, selbst schwer krank, begleitete mich zu meinem ersten Termin. Den ganzen Vormittag ließ ich Untersuchungen über mich ergehen und führte Arztgespräche. Nun wurde erstmals überhaupt eine Genotypisierung und eine Viruslast-Bestimmung durchgeführt. Da ich eine ehem. Drogenabhängige bin, tippte der Arzt, dass wir wohl Glück haben würden und ich den Typ 2 oder 3 erwischt hätte.
Der Termin zur Biopsie wurde ausgemacht, damit ich wusste, wie die Leber aussieht und ich entscheiden könnte, ob Behandlung oder nicht. Mit etlicher Fachliteratur, die mir mein Arzt in die Hand drückte, und gut aufgeklärt über Interferon und seine Nebenwirkungen, trat ich den Heimweg an.
Nun war es für mich an der Zeit, meinen Freundes- und Bekanntenkreis so langsam darauf vorzubereiten, dass ich mich evtl. durch die Behandlung verändern könnte. Bis dahin wussten sie nichts von meiner Erkrankung, die anfänglichen Erfahrungen hatten mich vorsichtig gemacht. Nervös und mit Bauchschmerzen führte ich diese Gespräche. Nach und nach, wie sich die Situation gerade ergab. Und, ich glaubte es fast nicht, niemand wollte wissen, wie ich mir das geholt hatte oder nahm Abstand aus Angst, sich anstecken zu können.
6 Wochen später ging ich stationär in die Uni zur Biopsie. Die Ergebnisse der letzten Untersuchungen wusste ich noch nicht.
Zuerst war ich etwas geschockt. Ich kam in ein 6-Bett-Zimmer. Die anderen Patientinnen bekamen gerade alle eine Chemo-Therapie. Als ich aber sah, wie tapfer und mutig die Frauen ihr Schicksal trugen und nicht aufgaben, gab mir das Kraft für die bevorstehenden Monate.
Kurz vor der Biopsie kam mein Hepatologe zu mir, um mir nochmals den Eingriff zu erklären. Ich wagte nachzufragen ob er schon wisse, welchen Genotyp ich habe. Und Bingo: hatte ich doch glatt das schlechtere Los gezogen und den Typ 1 erwischt. Inzwischen wusste ich ja, dass das schlechtere Heilungschancen und längere Behandlungsdauer bedeutete.
Da musste ich erst mal schlucken; mein Optimismus sank nun doch leicht.
Die Biopsie selbst überstand ich ohne Komplikationen. Nur das Lachen tat einige Tage lang weh, aber danach war mir erst mal sowieso nicht zumute.
Anfang Dezember war der nächste Termin bei meinem Spezialisten vereinbart, da sollte dann definitiv entschieden werden, ob ich therapieren sollte oder nicht. Also noch ein paar Wochen Zeit, das Ganze setzen zu lassen und mir im Klaren darüber zu werden, ob ich mir das mit allen Konsequenzen antun will. Für mich stand eins fest: sollte sich meine Leber schon verändert haben (Alkohol und Medikamente mied ich ja schon Jahre), würde ich in den „sauren Apfel“ beißen. Ich wollte einfach wieder meine Lebensqualität und Energie wie vor Jahren zurück.
Diesmal nahm ich meinen Mann mit zur Besprechung. Er hatte das Thema nun lange genug vor sich hergeschoben; ich wollte, dass auch er von dem Arzt persönlich erfährt, was auf uns zukommen würde. Laut Biopsie-Ergebnis hatte ich schon eine milde Fibrose, und der Entzündungsgrad war auch nicht gerade gering. Ich fragte den Arzt, wie lange es dauern könnte, bis sich daraus eine Zirrhose entwickeln würde. Er meinte, innerhalb der nächsten 5 Jahre wohl noch nicht. Das war mir aber zu wenig, denn dann würde ich gerade mal 38 Jahre alt sein.
Meine Entscheidung stand: Ich würde den Kampf gegen die Krankheit versuchen.
Inzwischen war ich im Internet auf die Seite des DHCF gestoßen. Ich schrieb etwas ins Gästebuch. Einige Tage später eine E-Mail von einer mir fremden Frau, die meinen Eintrag ins Gästebuch gelesen hatte. Sie gab mir den Tipp mit der Mailingliste, bei der ich mich dann auch anmeldete. Sie kam aus dem Schwarzwald, und da ich dort ein Wochenende ganz alleine verbringen wollte, vereinbarten wir ein Treffen. 52 Wochen Therapie hatte sie hinter sich, und dabei etliches an Nebenwirkungen zu verkraften gehabt. Es tat gut, einmal persönlich zu hören, wie es einem dabei gehen kann, und dass die Leute das dennoch durchzogen. Das motivierte.
Am 22.01.04 sollte ich stationär in die Klinik, abends dann die erste Spritze bekommen und am nächsten Tag wieder heim dürfen. Weihnachten und Silvester verbrachte ich also noch ganz „normal“. Meine Kinder bereitete ich nun vorsichtig darauf vor, dass sich vielleicht einiges ändern würde, falls ich mich durch die Behandlung nicht gut fühlen würde. Auch sie wussten bis dahin nichts von meiner Krankheit. Inzwischen waren sie 12 und 9 Jahre alt, also in einem Alter, wo sie das schon begreifen konnten. Meinen beiden Arbeitsstellen sagte ich auch Bescheid. Es könnte ja sein, dass ich über die Behandlungszeit arbeitsunfähig sein könnte. Beides kleine Betriebe, ist Ersatz für krankheitsbedingten Arbeitsausfall nicht so einfach. Wir vereinbarten, dass ich erst mal auf die Wochenend-Arbeit (was zumindest in der Gastronomie den größten Teil meiner Arbeitszeit ausmachte), verzichten würde. Und, falls für mich machbar, noch während der Therapie wieder voll loslegen würde.
Das stellte sich dann leider als Wunschvorstellung meinerseits dar; denn auch jetzt, 6 Wochen vor Behandlungsende, ist es mir noch nicht gelungen, an den Wochenenden arbeiten zu gehen.
Der 22. Januar kam. Trotz meines ganzen Wissens über HCV und die bevorstehende Interferonbehandlung (oder vielleicht gerade deshalb), ging ich ganz gelassen ins Krankenhaus um mit der Behandlung zu beginnen.
Ich nahm an einer Studie des Arztes teil. Dabei sollte festgestellt werden, wann der beste Zeitpunkt da war, um Depressionen mit Medikamenten zu bekämpfen. Deshalb war ich an diesem Nachmittag erst mal schwer beschäftigt: Blut abgeben, mich noch mal komplett untersuchen lassen. Dann das Gespräch mit dem Psychologen und die Konzentrationstests am Computer.
Nun hieß es also: jeden Freitag 80 Mikrogramm Peg-Intron und täglich 800 mg Rebetol zu nehmen, und das ein Jahr lang.
Die erste Spritze bekam ich dann Abends. Dabei wurde mir gleich gezeigt, wie ich das Peg-Intron in Zukunft selber spritzen sollte. Einige Stunden später schlief ich ein. Außer leichtem Schüttelfrost merkte ich die Nacht über nichts. Am nächsten Früh wachte ich mit fast explodierendem Kopf auf, Schmerztabletten schafften jedoch bald Abhilfe. Beruhigt fuhr ich wieder nach Hause.
Im Laufe des Nachmittags ging es mir dann immer elender. Gebeutelt von Schüttelfrost, Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen, saß ich in meiner Decke gehüllt am PC, um die Teilnehmer der Hepatitis-Mailingliste über mein Befinden auf dem Laufenden zu halten. Diese Leute waren mir eine große Hilfe, denn sie gaben mir den Zuspruch, den ich brauchte, um das alles durchzustehen.
Nach 2 Tagen ging es mir wieder etwas besser. Da ich ein optimistischer Mensch bin, ging ich davon aus, dass das eh nur am Anfang der Behandlung so sein würde und nach ein paar Wochen vorbei sein würde.
Wohlweislich hatte ich vor Beginn der Interferon-Behandlung noch einige Kilos draufgefuttert und lag somit am Anfang bei einem Gewicht von 60 kg bei einer Größe von 1.62 m. nach 4 Wochen waren schon 4 kg wieder runter; bedingt durch die Ribavirin-Tabletten schmeckte das Essen nicht mehr richtig. Alles zu salzig, zu sauer oder zu süß. Auch war mir immer wieder leicht übel.
Die ersten 4 Wochen war ich häufig sehr müde. Kopfschmerzen, Muskel- und Gliederschmerzen hatte ich täglich. Die ersten 3 Tage nach jeder Spritze heftig, dann 4 Tage lang abflachend. Das konnte ja heiter werden, dieses dauernde Auf und Ab meines „Wohlbefindens“... Es half aber nichts, denn ich wollte ja den Virus los werden, also musste ich da durch. Meine Haut machte mir auch gleich zu Beginn Schwierigkeiten. Sie wurde trocken, schuppig und juckend. Hartnäckiger Husten gesellte sich noch dazu.
5 Wochen nach Behandlungsbeginn wurde die erste Kontroll-Untersuchung und der erste PCR gemacht. Das erste große Bibbern begann. Einige Tage später rief der Arzt an und gratulierte: von meiner anfänglichen Viruslast von 3.6 Mio. IU pro ml war ich schon unter die Nachweisgrenze gerutscht! Ich sprach also sehr gut auf die Medikamente an!
Abends sah mein Mann das erste Mal seit Monaten ein Lächeln auf meinem Gesicht; mir selbst war gar nicht bewusst, wie sehr mich die ganze Sache beschäftigte und ernst machte.
Grund genug also, weiter zu machen und am Ball zu bleiben.
Inzwischen gab es im familiären Umfeld einige Brocken, die ich zu schlucken hatte. Die schwere, unheilbare Krankheit meiner Mutter, der Tod meines Großvaters und die existentielle Angst, da unser Haus, das wir gemietet hatten, plötzlich verkauft werden sollte. Alles brach auf einmal über mich herein. Durch die Medikamente machte mir das alles bedeutend mehr zu schaffen, als es wohl sonst gewesen wäre. Dank sehr guter Freunde und intakter Familie wurde ich psychisch aber gut aufgefangen, so dass ich keine Antidepressiva nehmen musste.
Zur Mitte der Behandlungsdauer gab es eine Phase, wo ich am liebsten alles hinschmeißen wollte. Meine Haare verabschiedeten sich immer mehr, die täglichen Muskel- und Gelenkschmerzen wurden stärker (nun weiß ich wenigstens, wie viele Knochen ich im Körper habe, da ich sie alle mal gespürt habe J), mein Gewicht reduzierte sich weiter und ich war öfters gereizt und launisch. Auch konnte ich phasenweise keinerlei Berührungen ertragen; nicht einmal von meinen Kindern. Meine Konzentration war gleich null, die Denkfähigkeit ließ zunehmend zu wünschen übrig. Gesprächen konnte ich oft nicht mehr richtig folgen, was ich zwar versuchte, mit Galgenhumor zu tragen, aber mich gerade in der Öffentlichkeit fast zur Verzweiflung brachte. Es war inzwischen nicht mehr daran zu denken, einen anspruchsvollen Film anzuschauen bzw. zu verstehen. Geschweige denn ein Buch zu lesen (welches ich früher nur so verschlungen hätte), da ich mich bei einem schlichten Zeitungsartikel schon furchtbar konzentrieren musste und sogar daran des öfteren scheiterte. Das Nachlassen meiner Konzentrationsleistung wurden auch durch die Ergebnisse der wiederholten Tests am Computer in der Klinik belegt. Zum Beispiel hatte sich die Fähigkeit der geteilten Aufmerksamkeit inzwischen um 50% verschlechtert.
Meine Blutwerte legten den typischen Auf- und Ab- Weg der Therapie hin, fingen sich jedoch glücklicherweise wieder, ohne dass die Dosis der Medikamente reduziert werden musste. Meine Bronchien und die Lunge machten mir arg zu schaffen. Ohne dass ich selbst es merkte, entwickelte sich eine Lungenentzündung, die wieder mit Antibiotika behandelt wurde. Mein Gehör wurde immer schlechter und empfindlicher. Alles war zu laut, und wenn es dann ein erträglicher Geräuschpegel war, verstand ich oft nichts. 2 Geräusche auf einmal irritierten mich immens, von 2 Dingen gleichzeitig erledigen ganz zu schweigen, das war schon eine Weile undenkbar.
Und es lagen immer noch 24 Wochen vor mir....
Das alles wurde wieder etwas besser, ich fühlte mich auch wieder fitter und energiegeladener. Das Haus hatten wir inzwischen nach langem, 4 Monate währenden Kampf mit dem ehem. Besitzer und dessen Makler erworben. Nun standen Renovierungen an, da eine neue Küche schon seit Jahren vonnöten war, zudem auch 2 Herdplatten den Geist aufgegeben hatten (in meiner Kopflosigkeit hatte ich des öfteren vergessen, sie auszuschalten). Also wurde gewerkelt und geschafft was das Zeug hielt. Mein Körper signalisierte mir leider zu spät, dass das alles etwas zu viel war. Von jetzt auf nachher überfielen mich an einem Wochenende dermaßen heftige Schmerzen und Krämpfe im ganzen Körper, dass ich dachte, alles sei zu spät. Nach 12 Stunden waren die Schmerzattacken überstanden und ich versprach mir selbst hoch und heilig, es nun langsamer angehen zu lassen.
Ohne die Leute der Liste, die telefonischen und geschriebenen Kontakte mit ihnen, wäre es wohl um einiges schwieriger, die restliche Zeit zu überstehen. Denn kein Außenstehender könnte nachvollziehen, wie man sich unter der Interferonbehandlung fühlt, bzw. wie wenig man sich selbst noch spürt.
Ich versuche, weiterhin aktiv am Leben außerhalb der Therapie teilzunehmen. Durch Arbeit, Aktivität in der Freizeit und Kontakt mit Freunden. Einfach, damit ich den Draht zur Normalität nicht verliere und mich nicht zu sehr abkapsele.
Nun liegen noch 6 Wochen Behandlung vor mir, an Heilig Abend wird es die letzte Spritze geben. Mein Gewicht, 10 kg weniger als zu Beginn der Behandlung, hält sich seit Wochen stabil. Seit einigen Wochen wieder zurückgekehrt sind allerdings die anfänglichen Fieberschübe und der Schüttelfrost nach der Injektion des Interferons. Konstant geblieben über die ganzen bisherigen 42 Wochen der Behandlung sind bei mir folgende Nebenwirkungen: Muskel- und Gelenkschmerzen, dauerndes Frieren, immer wiederkehrende Kopfschmerzen, extreme Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich, Psoriasis und andere Hautreizungen, Atemwegsprobleme und der nach kurzer Zeit begonnene Haarausfall.
Zeitlich begrenzt waren Kraftlosigkeit sowie Atemlosigkeit, Bauchschmerzen und Krämpfe, Lichtempfindlichkeit, geschwollene und rissige, blutende Finger und Hände sowie gelegentliches Herzrasen. All das kam und ging immer wieder mal aufs neue. Zwei Mal bekam ich eine Lungenentzündung. Seit einiger Zeit haben sich noch geschwollene, schmerzende Lymphknoten im Bauchraum, der Leistegegend, unter den Armen und in der Brust dazugesellt. Meinen Gefühlsschwankungen bin ich manchmal hilflos ausgeliefert, sie halten sich jedoch in Grenzen.
Ich bin froh darüber, dass es mir die ganze Zeit über möglich war, weiterhin arbeiten gehen zu können. Zwar reduziert, aber immerhin. Nur an 2 Tagen war ich krankgeschrieben, obwohl mein Arzt mich am Liebsten öfters nach Hause auf mein Sofa geschickt hätte.
Für meine Familie waren die letzten Monate auch nicht einfach. Ich bewundere ihre Geduld und Toleranz, die sie im Zusammenleben mit mir gezeigt haben. Oft genug habe ich bemerkt, dass sie mal tief durchschnaufen mussten, um nicht zu explodieren. Oder dass sie es mit einem Lächeln abtaten, wenn ich, wie so oft, mal wieder auf der Leitung stand und sie mir wie einem Kleinkind erklären mussten, von was sie eigentlich sprachen. Aber kein einziges Mal kam von meiner Tochter ein Vorwurf deswegen, mein Mann und mein Sohn verschafften ihrem Unmut über meine zeitweilige „Unpässlichkeit“ nur einmal Luft.
Ich sehne mich danach, dass bald ein neues Jahr beginnt. In der Hoffnung, dass ich weiterhin HCV-Negativ bleibe und mir keins der „Wehwehchen“ der vergangenen Monate zurückbleibt schaue ich nach vorne. Riesig freue ich mich darauf, hoffentlich bald wieder einen Tag ohne irgendwelche Schmerzen zu verbringen. Und endlich wieder das Gefühl zu verlieren, ich schwebe gefangen in einer Seifenblase durch Raum und Zeit.
Ich habe in den vergangenen Monaten vieles über mich gelernt und werde weiterhin mein Leben ganz bewusst leben. Es ist so kostbar und wertvoll. Niemand weiß, wie lange er auf Erden bleiben darf, deswegen sollte kein Tag verschenkt oder vergeudet werden.
Wenn ich mit den nun gemachten Erfahrungen und „Nichtlichkeiten“ der Therapie entscheiden müsste, ob ich einer Interferonbehandlung zustimmen sollte oder nicht?
Aus meiner Sicht : ja. Es ist nicht einfach, gar keine Frage. Man muss sich nur immer wieder auf ein neues motivieren zum Weitermachen. Es muss wohl überlegt sein, ob man sich und seinem Körper das antut und individuell entschieden werden. Da ich aber durch das HCV an Lebensqualität und Leistung verloren hatte und dagegen angehen wollte, war meine Entscheidung für mich persönlich richtig. Es gibt bestimmt Schlimmeres auf der Welt als eine Interferonbehandlung, auch wenn die evtl. Folgeschäden der Therapie noch nicht genau erforscht und belegt sind.
Selbst wenn in einigen Monaten (was ich aus tiefstem Herzen nicht hoffe) wieder ein „Positiv“ unter dem PCR stehen sollte, war es zumindest einen Versuch wert und ich habe mein Bestes dafür gegeben.
Mit einem Quäntchen Glück und Optimismus habe ich aber vielleicht auch schon bei diesem ersten Versuch meine Krankheit besiegt. Ich bin auf dem besten Weg dazu und habe wohl durch mein frühes Erreichen des „Negativ“ unter der Behandlung meine Chancen auf Heilung nach oben gejagt.
Iris P.
im November 2004
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