| Ein Bericht von Alexander (einem Angehörigen) |
Nebenwirkungen ...Wir waren eine völlig normale Familie, zwei Kinder, erfolgreich im Beruf, einen netten Freundes- und Bekanntenkreis, eine große Familie in der selben Stadt, kurz - es stimmte einfach alles. Wir waren glücklich und zufrieden und - es war uns bewusst, wie gut wir es hatten. Doch plötzlich kündigte sich ein Unheil an, dessen Ausmass wir damals nicht einmal erahnen konnten. Eine Krankheit hatte meine Frau befallen, deren Name zu diesem Zeitpunkt kaum ein Mensch kannte, deren Symptome für die meisten Ärzte unbekannt waren.
So fing es an. Natürlich! Ein Haushalt mit zwei Kindern, einem Hund und zwei Katzen bietet volles Programm. Aber eine Frau Anfang Dreissig sollte dies einigermassen bewältigen können. Sie ging zum Arzt. - Mangel an Vitaminen und sonstigen Spurenelementen lautete die Diagnose. Verursacht durch die letzte Schwangerschaft und eine relativ lange Stillzeit. Irgendwie leuchtete dieser Befund ein. Die genauen Umstände, wie sich meine Frau mit Hepatitis C infiziert hatte, sind bis heute nicht geklärt. Eigentlich spielen sie auch keine besonders wichtige Rolle. Eines war zu dem Zeitpunkt der Diagnose sicher, sie war schon sehr lange krank, schon mindestens ein ganzes Jahrzehnt oder länger. Nur, - keiner wusste es. Jetzt war sie krank. Die Horrorszenarien über den Verlauf der Krankheit ließen meine Frau in ein tiefes Loch stürzten. Sie riss uns mit. Unsere kleine Welt geriet aus ihren Fugen. Jeder war betroffen. Eine Krankheit, egal ob z.B. HCV, AIDS, Krebs oder Multiple Sklerose, verändert nicht nur das Leben des Kranken, sondern auch immer das derer, die in seinem unmittelbaren Umfeld leben. Betrachtet man nur die sozialen Auswirkungen und nicht die Krankheit mit ihren psychologischen Belastungen, so scheint es davon abzuhängen, ob es z.B. eine Frau oder einen Mann, eine Mutter oder einen Vater oder gar ein Kind trifft. Als ich neun Jahre alt war, erkrankte mein Vater an Multiple Sklerose. Damals war in erster Linie die wirtschaftliche Situation der Familie in Gefahr, da mein Vater als Alleinverdiener schon nach kurzer Zeit nicht mehr arbeiten konnte. Die Rollen wurden neu verteilt und meine Mutter musste arbeiten gehen. Durch das Erkranken meiner Frau geriet das "Familienmanagement" aus den Fugen. Die zentrale Anlaufstelle für alles und jeden war plötzlich nicht mehr zu hundert Prozent verfügbar. Ihre Leistungsfähigkeit war um einiges dezimiert und sie musste mit ihren Ressourcen haushalten. Ich bin ein sehr nüchterner Mensch, der seine Gefühle wenig zum Ausdruck bringt. Auch in dieser Situation zog ich es vor meine düsteren Gedanken für mich zu behalten. Die liebe Familie nahm die Nachricht von der Krankheit sehr unterschiedlich auf. Meine Mutter war betroffen und entsetzt über das schwere Schicksal, das wir zu tragen hatten. Kein Wunder, denn sie selbst hatte die schwere Last der Krankheit ihres geliebten Mannes über zwei Jahrzehnte getragen. Es kam dann eines der schlimmsten Jahre, das ich je erleben musste. Der Arzt meiner Frau überzeugte uns von einer Interferontherapie. Das war ein Strohhalm, den wir ergreifen mussten. In dieser Zeit wurde es ziemlich still um uns herum. Zu oft hatten wir unsere Freunde vertröstet und manchmal versetzt. Zu oft mussten wir absagen, "Ich hab’ heute wieder mein Interferon-Happening". Irgendwann konnte und wollte es keiner mehr hören. Wir waren nicht mehr in der Situation das Prinzip "geben und nehmen" ausgewogen zu wahren. Andere verschwanden völlig "grundlos" von der Bildfläche. Ich erinnere mich noch sehr gut an den letzten Besuchs eines langjährigen Freundes, er fragte zum wiederholten Mal nach, was meine Frau für eine Krankheit hatte, liess sich alles genau erklären und ging ...! Heute ist mir einiges klar geworden. Nicht unsere Umwelt hat sich verändert, nein, wir waren es, die sich verändert haben. Wir haben neue Schwerpunkte gesetzt, neue Ziele gesteckt, das Leben neu geordnet. Sicherlich geschah dies aus unserer Not heraus. Aber gerechter Weise muss ich auch von neuen Freunden berichten, die plötzlich da waren, da wo keiner sie vermutet hätte. Leute mit ähnlichen Erfahrungen. Das Interferonjahr war für die Katz’. Das ganze Leiden brachte nichts! Aber das Leben ging weiter. Jeder Tag ohne die entsetzlichen Nebenwirkungen des Interferons war ein Geschenk. Dieser Punkt war für meine Frau wohl der schmerzvollste. Die eigene Mutter und ihre beiden Schwestern gingen auf Distanz. Sie wollten nichts von all dem wissen. Es gab keine Worte des Trostes oder zum Schöpfen neuen Mutes, nur kaltes Schweigen. Das Thema Krankheit wurde zum Tabu. Wir denken sehr liberal und erwarteten damals auch von unseren Mitmenschen die gleiche Einstellung und gingen deshalb sehr offen mit der Krankheit um. Dass dies ein grosser Fehler war, sollte unsere Tochter zu spüren bekommen. Wir haben den Verein gewechselt und unsere Einstellung geändert. Wir überlegen jetzt sehr genau, wen wir über die Krankheit informieren und wen nicht. Sicherlich ist der Umgang mit kranken Menschen nicht immer einfach. Aber sie haben es auch nicht einfach. Ich erlebte zum zweiten Mal, wie Menschen, die sich Freunde nannten, sich wegen Berührungsängsten oder aus sonstigen Gründen zurückzogen und jenen, den sie einmal mochten und gerne sahen, alleine liessen. Das sind die Nebenwirkungen ... Alexander
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| Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 15. September 2010 um 22:06 Uhr |

